Mitsegeln auf Windjammer

eines der letzten Abenteuer unserer Zeit

Dr. Helge Neumeister – eine Bordgeschichte


Hallo zusammen! Ich bin Helge und wenn ich meine Roald-Geschichte aufschreibe, dann kommt das schon nahe an eine Biographie, segle ich doch in  diesem Jahr, 2014, bereits das zwanzigste Jahr auf der Roald. Einer Biographie von mir, aber auch und vor allem eine Biographie der Brigg „Roald Amundsen“.

Angefangen hat alles mit einem Poster…

 

Angefangen hat eigentlich alles mit einem Poster und Post für meinen großen Bruder. Der ist 12 Jahre älter als ich und hatte in seinem Zimmer ein Bild von einem Großsegler hängen. Ich weiß nicht einmal welches Schiff da abgebildet war. Jedenfalls war es eine Viermastbark. Dieses Schiff hat mich schon als kleiner Knirps begeistert. Ich hab schon als 8-jähriger immer mal wieder solche Großsegler gemalt, oder aus Lego gebaut. Außerdem bekam mein Bruder immer wieder Post auf der für Reisen auf den skandinavischen Großseglern wie „Sørlandet“ oder „Staadsrad Lehmkuhl“ geworben wurde. Die hab ich mir immer unter den Nagel gerissen. Die Faszination für Großsegler war bei mir also schon früh vorhanden, auch wenn meine Familie und mein Heimatort zwischen Heilbronn und Schwäbisch Hall im hohenlohischen Land so weit von der See und allem Maritimen entfernt war, wie es nur geht.

1994 begann es erst richtig: Mit einer Reise des Pfadfinderbundes...

1994, ich war 14, veranstaltete der Pfadfinderbund, bei dem ich regelmäßig war, eine Reise auf der Roald Amundsen. Einer Brigg, die gerade neu umgebaut worden war. Sobald ich den Sommerprospekt der drj (deutsche reform jugend e.V. - jenem Pfadfinderbund) durchgeschaut hatte und die Reise entdeckt, stand für mich fest - da will ich mit. Meine Eltern haben mich also dort angemeldet. 
Am 16.07.1994 ging es los. Törn Nummer 9415. Starthafen war Krößlin an der Peene gegenüber von Peenemünde. Diesen Hafen hat die Roald früher öfters angelaufen, wenn sie die beschwerliche Revierfahrt die Peene hinauf nach Wolgast, ihrem alten Heimathafen, nicht machen wollte.  Nach 14 Stunden Zugfahrt kamen wir mit unserer Gruppe von 26 Trainees am Schiff an. Wie allen Trainees ging es auch uns, als wir das Schiff zum ersten Mal an der etwas verrotteten DDR-Betonpier liegen sahen. „Boah ist das hoch!“ dachten wir. Ich musste ein ganzes Stück vom Schiff weg, um mit der alten Vogtländer-Bessamatik Kamera von meinem Vater überhaupt den ganzen Mast aufs Bild zu bekommen. Ich war der Allerjüngste auf dem Törn. Aber das hat mich nicht gestört. Ich war aber auch der Kleinste an Bord, und das war schon eher ein Problem. Damals gab es noch keine Klettergurte um sich im Rigg zu sichern. Es stand stattdessen eine Tonne am vorderen Niedergang, in der viele Feuerwehrgurte aufbewahrt wurden. Wenn aufgeentert werden sollte, ging man zu jener Tonne und nahm sich einen Gurt. Leider gab es nur einen einzigen Gurt, der mir passte. Weil ich jedoch sichergehen wollte, immer mit hoch ins Rigg gehen zu können, nahm ich diesen Gurt bald mit in die Koje, anstatt ihn nach Gebrauch wieder in die Tonne zu legen. Natürlich zog ich damit  ordentlich Spot auf mich. Noch Jahre später war ich als derjenige bekannt, der mit dem Gurt auf Koje geht. In der Stammcrew dieses Törns finden sich viele Namen die im Verein heute noch gut bekannt sind, wenn auch häufig unter anderer Funktion. So fahren zwei Toppsgasten und der Bootsmann von damals beruflich wie auf der Roald heute als Kapitän. Eine Stamman- wärterin fährt heute als Steuerfrau. Kapitän war Hartmut Hagen, Steuermann war Bodo Grimm damals noch festangestellt an Bord. Unsere Zivis sind ebenfalls vielen noch gut in Erinnerung. Ja, auf der Roald gab es einmal zwei Zivildienstleistende. Maschinist war noch nicht Andreas sondern ein gewisser Jürgen. Unser Törn führte uns zunächst in eineinhalb Seetagen nach Rønnø auf der Insel Bornholm.  Weiter ging es nach Visby auf Gotland. Auf dem Rückweg ankerten wir noch vor Tromper Wiek auf Rügen südöstlich Kap Arkona. Zielhafen war Wolgast. Den größten Teil der Strecke haben wir segelnd zurückgelegt. Heute sehne ich mich immer mal wieder nach diesen Ausgangshäfen zurück, wenn wir es auf einem Törn mal wieder nicht aus der Kieler Bucht heraus schaffen. Weiter im Osten hat die Ostsee einfach mehr Platz. Unterwegs gab es auch eine „Äquator“-Taufe. Auch wenn es auf der Ostsee natürlich nicht anlässlich einer Überquerung des geographischen Äquators war. Dabei ging es meiner Erinnerung nach recht rau zu. Was vielleicht auch daran lag, dass die Stammcrew inzwischen nicht mehr so gut auf uns Trainees zu sprechen war. In der „drj“ lebt man nämlich auf Lagern und Fahrten vegetarisch. Darauf war die Crew wohl nicht gefasst gewesen. Die Leiter der Fahrt hatten den Lebensmitteleinkauf in Eigenregie gemacht. Das muss ziemlich Stunk gegeben haben - auch wenn ich selbst mich daran nicht mehr erinnern kann. Dieser Törn ist vielen altgefahrenen Roaldies als „Vegetariertörn“ in sehr schlechter Erinnerung geblieben. Für mich war er jedoch der Beginn einer großen Leidenschaft.

Gerne wäre ich sofort wieder mitgesegelt. Was untenstehender Brief belegt, den ich noch ganz hinten in meinem Roald-Ordner gefunden habe. Man bemerke neben der Orthographie und dem Stil des 14-jährigen unter anderem die Adresse des Schiffsbüros - es war damals noch in Hamburg.

Die Antwort ist leider nicht überliefert. Weiter ging es für mich auf der Roald also erst 1996  als ich, endlich 16 Jahre alt, Stammcrew werden durfte. Ich buchte gleich die ganzen Sommer-ferien. Also vom 31.07. - 06.09.1996. 
 

Meine Teilnahme mit der „Roald Amundsen“ an der
„Cutty Sark Race 1996“

Das Besondere an diesem Segelsommer war vor allem der erste Törn. Dabei handelte es sich um eine Race-Etappe der „Cutty Sark Race 1996“ von Turku nach Kopenhagen. Diese Reise hatte es gleich mehrfach in sich.  Zunächst bedeutete es, dass ich als 16-jähriger allein nach Finnland kommen musste. Wenn ich mich recht erinnere, war ich zweieinhalb Tage unterwegs. Darunter eine ziemlich kalte und ungemütliche Nacht auf der Fähre von Stockholm nach Turku. Dort angekommen, warteten die Umtriebe eines Großseglertreffens auf mich. Crewparties und 3000 junge Seeleute waren neu und überwältigend für mich. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir Roaldies an einem Abend - oder eher Morgen - als letzte aus der Halle mit der Crewparty geworfen wurden und danach ganz Turku vergeblich nach mehr Bier absuchten. Die Roald war damals noch ein komplett alkoholfreies Schiff. Selbst im Hafen durfte nur außer Sichtweite des Schiffes Alkohol konsumiert werden. Irgendwann liefen wir dann in der traditionellen Parade aus.

Direkt vor uns fuhr die „Georg Stage“, davor die „Chauatemoc“, hinter uns die „Sedov“. Die vielen Menschen, die unzähligen Yachten, die die großen Schiffe den ganzen Tag über auf dem Weg durch die Schären begleiteten. Auch das wieder ein überwältigender Anblick für mich - ich hatte die Schiffe vom Poster meines Bruders gefunden! Am Abend ankerten wir in den Schären vor Turku. Alle Class A- Schiffe gemeinsam in einer Bucht. Schönster Sonnen-untergang inklusive. Es war - schon wieder - wirklich überwältigend. Genau so stellte ich mir das in früheren Zeiten vor, als die ganze Großsegler mit Ihren Frachten auf Reede vor Valparaiso, Shanghai oder Hamburg lagen. Herrlich! Mit mir in der Stammcrew dieses Törns waren wieder alte Bekannte von meinem ersten Törn Diesmal war auch schon Maschinist Andreas Wolf dabei. Am nächsten Morgen um 8:00 ging das Rennen los. Der Start der ganzen Großsegler - Wahnsinn! Dann wurde es seglerisch richtig anspruchsvoll. Von Start bis Ziel in der Einfahrt zum Öresund benötigten wir 8 Tage. Leider kam der Wind konstant von vorne. Zunächst aus südlichen Richtungen als wir um die Südspitze Schwedens herum waren drehte er auf West. Das bedeutete für alle Schiffe mühevolles Kreuzen. Wir fuhren also, hochmotiviert wie wir waren, zunächst im engen Schärengewässer alle zwei Stunden ein Wende. 24 Stunden lang. Am zweiten und dritten Tag alle vier Stunden. Dann noch weitere drei Tage und Nächte circa alle acht Stunden. Immer im „All-Hands“. Jeder hatte seine feste Manöverstation. Und so wurden wir immer besser und schneller.

Insgesamt haben wir auf dieser Reise ungefähr 30 Wenden gefahren. Und als wir dann richtig eingespielt waren, lag unser Rekord bei 6 Minuten vom aufgeien der Untersegel bis die Untersegel auf dem neuen Bug wieder standen. Großroyalstengestagsegel und Groß-brahmstengestagsegel wurden vorher von der fahrenden Wache geborgen und dann noch im „All-Hands“ wieder gesetzt. Es oblag mir, nach der Wende die Schoten der beiden Segel zu shiften. Diese müssen ja über die Stagen und Brassen vom Großtopp gehoben werden, da die Segel jeweils nur eine Schot haben. Übrigens wurde das Großstengestagsegel selbstverständlich nicht geborgen, sondern mit übergeholt. Mit 48 Händen Besatzung kann man solche Wenden eben fahren. Wohlgemerkt, das Beschriebene ist wirklich kein Seemansgarn.  Trotz unserer Bemühungen wurden wir natürlich - wie immer - letzte in der Class A. Die Roald ist eben kein Rennpferd. Es war herausfordernd und anstrengend, aber so viel wie auf diesem Törn habe ich nie wieder über die Roald, ihre Segeleigenschaften und das Großseglersegeln allgemein gelernt. Und wenn abends beim Ankerbier mal wieder behauptet wird, mit der Roald könne man nicht kreuzen, haben wir damals den Gegenbeweis geliefert. Man muß es eben nur können!


Brigg „Roald Amundsen und der fingierte Hubschraubereinsatz

Eine weitere lustige Geschichte ist von diesem Törn zu Berichten. Als Steuermann fuhr auf dem Törn ein Marineoffizier im Ruhestand, der immer sehr viel redete. Er war als dritter Steuermann für den Funkverkehr zuständig. Dieses Amt nahm er auch sehr ernst, zumal es
auf einem Race ja immer viel zu funken gibt. Damals noch mehr als heute, ohne AIS, Handy etc. Regelmäßig erzählte er jedem der es hören wollte - und auch dem der es nicht hören wollte - was es im Feld neues gab, wo welches Schiff stand, etceterapp. Wie die Roaldies so sind, bietet so etwas Angriffsfläche für einen Streich. Ein Toppsgast und der Maschinensassistent begannen mit Heinz mit dem Handfunk- gerät der Roald aus dem Kettenkasten heraus zu funken. Sie gaben sich für das Team einer Fernsehanstalt aus. Sie baten darum, die Roald auf See unter Vollzeug aus dem Hubschrauber filmen zu dürfen. Das war 1996 durchaus glaubhaft. Es gab ja noch keine Satellitentelefone oder gar Handys über die man die „Roald Amundsen“ hätte erreichen können. Das Ganze trug sich gegen Ende der Reise zu, als das Rennen schon beinahe beendet war und die Roald noch die letzten Meilen bis Kopenhagen zu versegeln hatte, also irgendwo im Eingang zum Sund. Über mehrere Funkgespräche wurde die 
Spannung also erhöht. Wir lauschten immer gebannt am Außenlautsprecher, während Heinz zu Gange war. Hinterher musste er es natürlich wieder allen erzählen und wir konnten uns das grinsen kaum verkneifen. Irgendwann wurde der Kapitän eingeweiht. Hartmut war für einen solchen Spaß immer zu haben. Am letzten Tag vor dem Einlaufen gab er also Order, Vollzeug setzen zu lassen. Vereinbart war ein Treffen mit dem Heli um 11:00Uhr. Es war strahlendes Wetter und wir gaben uns alle Mühe, die Roald rauszuputzen. Pünktlich um 11:00 Uhr meldete sich auch der Hubschrauber und fragte unsere Position ab. Dann gab er eine ungefähre ETA an. Unsere beiden Helden funkten nun aus dem Maschinenraum. Neben dem Generator konnte man täuschend echt die Hubschraubergeräusche simulieren. Die Hubschrauberbesatzung meldete sich wiederholt, weil sie uns angeblich an der angegebenen Position nicht finden könne. Unser armer Steuermann war völlig aus dem Häuschen überprüfte mehrfach die GPS-Daten, funkte und funkte. Wir kringelten uns an Deck am Außenlautsprecher vor Lachen. Dann kam, wie der Zufall es will, tatsächlich ein Hubschrauber in unsere Nähe. Einer rief laut nach dem Steuermann, der Hubschrauber sei da. Bis dieser allerdings aus der Navi an Deck war, war der Heli längst wieder weg. Nun funkte der „Hubschrauberpilot“ aus dem Maschinenraum, er habe nicht mehr genug Sprit und müsse jetzt abdrehen. Unser armer Heinz war am Boden zerstört und regte sich tagelang maßlos über diese Flachlandpiloten auf, die, ohne genügend Sprit an Bord zu haben, auf See fliegen. Jahre später hab ich ihm gesagt, daß er damals nach Strich und Faden verarscht worden ist. Bis dahin hatte ihm das niemand erzählt. Er nahm es mit Humor. Er war, nebenbei bemerkt, ein vorzüglicher Steuermann. Nur redete er eben leider etwas viel. Leider fand die Aktion ein weniger lustiges Ende. Als wir, noch unter Vollzeug segelnd, alle zum Mittagessen in der Messe saßen, erreichte uns ein Notruf über UKW. Der Skipper einer Yacht war bei der Wende vom Baum am Kopf getroffen worden und über Bord gegangen. Seine Frau hatte von der Seefahrt nicht die geringste Ahnung und so hatte es bereits einige Zeit gedauert, bis es ihr gelungen war, das Funkgerät in Betrieb zu nehmen. Mit unserer Hilfe konnte sie dann auch irgendwann Ihre Position vom GPS ablesen, und uns nennen. Wir bargen alle Segel und änderten sofort unseren Kurs in Ihre Richtung, es war relativ nahe an unserer Position. Außerdem setzten wir einen Notruf ab. Die dänische Küstenwache erreichte die Yacht aber vor uns, und kümmerte sich um die hilflose Frau. Unser sofort entsandtes Dinghi beteiligte sich noch an der Suche, der über Bord gefallene Skipper jedoch wurde nicht mehr gefunden.


„Leben lernen“ auf den restlichen Sommertörns…

Der Rest des Sommers war in der Rückschau durchwachsen. Wer wie ich jung und großspurig war, hatte gute Chancen, beim Rest der Besatzung anzuecken. Und so dauerte es auch nicht lange, bis mich damals einige ehemalige NVA-Marineoffiziere, die über den Verlust ihres Heimatlandes, ihres Berufes und eventuell einer Ideologie wohl nicht richtig hinweg gekommen und entsprechend mies drauf waren, auf dem Kieker hatten (und die glücklicherweise heute nicht mehr an Bord sind….). Wenn das Abflussrohr in der Dosenlast wieder verstopft war, stand jedenfalls fest, wer es sauber machen musste: ICH. Vor der Abänderung war dieses Rohr zu flach verlegt und verstopfte immer wieder. Es war außerdem zu lang um es durch das Mannloch herauszubekommen. Man musste es also in der Dosenlast unter Zuhilfenahme eines Besenstiels und eines Eimers von seinem Inhalt reinigen. Keine angenehme Aufgabe. Außerdem gab es im Sommer '96 ein Törn mit einem Resozialisierungsprojekt für Sträflinge, die ihre Chance leider nicht erkannten und kaum motiviert waren. Außerdem gab es einen Törn mit  spanischen Austauschbesuchern, die kein Wort deutsch sprachen und mit Flip-Flops und Schalenkoffern ankamen. Zu erwähnen lohnt auch ein drei-Tage-Törn nach Rønnø, den eine Firma gechartert hatte und deren Mitglieder zum Teil mit Trenchcoat an Bord kamen und haben selbstverständlich nicht mitgearbeitet haben. Das war auch das einzige Mal, dass ich einen 2-Wach-Rhytmus gegangen bin; 6 um 6 Stunden. Tödlich!


Eine zarte Bande wurde geknüpft...

Eigentlich hätte man erwarten können, dass ich nach diesem Sommer der Roald den Rücken kehre. Aber mit 16 begannen da noch Dinge eine Rolle zu spielen. Auf den letzten Törns in diesem Sommer war auch ein Mädchen an Bord, das ich total super fand. Die letzten Tage in Wolgast an der Pier waren nur noch sie, ich und ein Bootsmann an Bord. Wir schlugen alle Segel ab, um die Roald winterfest zu machen. Der Winter ´96-‘97 war der letzte, den die Roald nicht in warmen Gewässern, sondern an der Pier in Wolgast verbrachte. Wir kamen uns also näher, auch wenn die ganze Zeit nichts lief. Wir waren wohl beide zu schüchtern. Als ich sie aber am Morgen meines Abschieds weckte, um mich zu verabschieden, küsste sie mich heiß auf den Mund. Wir hatten beide Tränen in den Augen. Auf dem Weg zum Bahnhof heulte ich wie ein Schlosshund. Im Kontrast dazu stand, dass zuhause die Ehe meiner Eltern nach 36 Jahren zu Ende ging - um es mal vorsichtig auszudrücken. Kurz nachdem ich wieder zuhause war, zog meine Mutter aus. Ich hatte auf der Roald eine neue Heimat gefunden. Alles war besser als Zuhause. Ganz besonders dieser Kuss. Mehr ist jedoch nie aus uns beiden geworden. Ich treffe sie heute regelmäßig auf dem Familientörn auf der Roald. Sie hat inzwischen Kinder, wie ich auch, und kann genauso wenig wie ich von der Roald lassen. Später ergab sich aus diesem Sommer noch mindestens eine gute Freundschaft. Auf einem dieser verkorksten Törns lernte ich eine gute Freundin kennen, mit der wir nun schon häufig zusammen segeln und auch ohne Roald im Urlaub waren.


Mein erster Toppsi-Törn war eine Katastrophe…

Den nächsten Törn buchte ich bereits für die Pfingstferien 1997. Wie gesagt, nur weg von Zuhause! Der Törn führte von Bremerhaven nach Eckernförde. Aber nicht durch den Nordostseekanal. Nein, es waren 13 Tage eingeplant und so segelten wir um Dänemark herum. Ein wunderbarer Törn. Mit Zwischenstopp in Kristianssand an der Südspitze Norwegens. Es war auch gleich mein erster Törn als Toppsgast. Das lief damals folgendermaßen ab. Es war ein Toppsi zu wenig an Bord. Also schaute man, wer von den Deckshands die meiste Erfahrung hatte. Da ich im Sommer 1996 sechs Wochen am Stück an Bord gewesen war, war ich derjenige. Und was soll ich sagen - es war eine Katastrophe! Nicht weil ich es vielleicht nicht gekonnt hätte. Man stellte mir den erfahrensten Steuermann an die Seite. Mit ihm hätte das schon klappen können. Nein, die Mädels waren mein Verhängnis. Es war wieder eine junge Dame an Bord, die mir komplett den Hals verdrehte. Inklusive hochromantischem Kuss auf der Marssaling bei blutrotem Sonnenuntergang. Da hatte ich natürlich keinen Kopf mehr fürs Schiff!  Mit diesem Mädel hab ich hinterher auch noch eine Weile Kontakt gehabt.  Auf diesem Törn lernte ich außerdem Segel nähen und an- und abschlagen. Der erste Satz Segel war in die Jahre gekommen und ziemlich brüchig. JP fuhr auf diesem Törn zum ersten Mal als Bootsmann mit und nähte selbstverständlich alle gerissenen Segel wieder. Ich weiß nicht mehr wie viele es waren. Aber wir hatten jeden Tag ein oder zwei  Segel an Deck zum nähen. Danach fuhr ich aber  erst mal lieber wieder als Deckshand. Nun folgten viele Sommer auf der Ostsee. Ich habe in den nächsten Jahren eigentlich meine gesamten Schulferien auf der Roald verbracht, wann immer es sich mit den Törns deckte. Erwäh- nenswert sind davon sicher ein Sturmtörn im September ´98 mit deutlich über 65kn Wind auf der Ostsee.  


Außergewöhnliche Törns mit einem außergewöhnlichen Schiff in außergewöhnlicher Nachbarschaft…

Leider habe ich die ganzen außergewöhnlichen Reisen der Roald in den neunziger Jahren verpasst, denn sie fielen immer in die Schulzeit. ´96 war die Roald mit der „Alexander von Humboldt“ auf dem Amazonas, ´98 ging es nach Island, Und die erste Atlantiküberquerung nach Nordamerika im Jahr 2000 habe ich ebenfalls verpasst. Eigentlich hätte der Rücktörn von Halifax, Canada nach Amsterdam, Niederlande perfekt nach meinen Abiturprüfungen gepasst. Die Stammcrewplätze für diese Reisen wurden jedoch nach einem Punktesystem vergeben. Es handelte sich dabei um das Großseglerrennen rund um den Atlantik. Die Strecken waren Cadiz - Bermuda - Florida - Ostküste - Boston - Halifax - Amsterdam. Und wer sich in der gewaltigen Vorbereitungsarbeit engagierte, konnte Punkte sammeln. Nach denen wurden dann die Plätze auf den Törns vergeben. Ich landete leider nur auf der Warteliste. Zwar auf Platz eins, aber eben nicht auf dem Törn. Ich stieg stattdessen dann in Amsterdam auf, dem Zielhafen der großen Regatta. Großseglertreffen war ich inzwischen gewöhnt, dieses war jedoch noch größer als die Cutty Sark Races auf denen ich bisher war. Diesmal waren wirklich so gut wie alle Rahsegler dabei, die damals in Fahrt waren. Auch die ganze Marineschulschiffe, die man sonst nicht sieht. Wie zum Beispiel die „Sagres“, die „Gorch Fock“, die „Kaliakra“, oder die „Libertad“. Nicht zu vergessen, hatte die „Stad Amsterdam“ dabei ihre Jungfernreise. Dieses Schiff wurde 1999 vom Stapel gelassen. Rumpf und Rigg sind ein originalgetreuer Nachbau der schnellen Tea Clipper aus der Zeit um 1850. Die höchste Geschwindigkeit, die sie auf der „Stad Amsterdam“ unter Segeln geloggt haben, waren 26 kn. Das ist mehr als doppelt so schnell wie die Roald laufen kann. Wahnsinn. Außerdem halte ich dieses Schiff rein äußerlich für den schönsten Rahsegler, der zurzeit in Fahrt ist. Ab Amsterdam war ich erst mal wieder für eine längere Zeit auf der Roald. Ich musste ja nicht mehr zurück in die Schule. Gut in Erinnerung bleibt mir ein Törn auf dem Weg auf die Kanaren im diesem Jahr. Wir lagen 4 Tage auf Borkum eingeweht, bis ein Sturm sich gelegt hatte. Diese Stimmung damals werde ich nicht vergessen. Herbststurm an der Nordsee. Keine Menschenseele im Hafen und auf der Insel, nur die Besatzung des Rettungskreuzers, der alte Hafenkapitän mit seiner Schiffermütze und seiner Pfeife und wir Handvoll Roaldies. Damals waren die Überführungstörns oft sehr schwach besetzt.


Jetzt wurde ich ein „richtiger“ Toppsi...

Sommer 2001 dann mein erster richtiger Toppsi-Törn. Wieder ein Cutty Sark Race. Diesmal von Bremerhaven nach Ålesund. Mit anschließendem Cruise in Company nach Bergen. Der Weg zum Toppsi war diesmal, dass mir vorher einer der Toppsi gesagt hat, für mich würde es doch mal langsam Zeit. Ich könne das doch schon besser als er. Blaue Bücher mit strukturierter Ausbildung gab es damals jedenfalls noch nicht. Mein Steuermann in der 0-4 Wache war wieder der Marineoffizier von 1996. Und er hatte eine sehr effektive Methode mir was beizubringen. Sobald wir auf der offenen Nordsee waren, sagte er: „Du kannst das ja, ich setzt mich in die Messe und korrigiere Karten. Ich möchte nicht gestört werden! Wenn was ist, rufst Du mich!“ Klare Ansage! Und ich muss sagen, das ist ein ganz anderer Schnack, wenn einem nicht dauernd jemand auf die Finger guckt und man an alles selbst denken muss. So viel über Wachführung und Organisation lernt man sonst nicht. Man vergisst nur einmal, die nächste Wache um 3:30 Uhr rechtzeitig wecken zu lassen. Von diesem Törn hab ich auch die Tradition der 3-Uhr-Schoki von dem Steuermann übernommen. Er verteilte auf 0-4 Wache immer um 3 Uhr, wenn er das Kreuz in die Karte gemacht hat, eine Tafel Schokolade an die Wache. Als Motivationszuckerschub für die letzte Stunde. Auch hier wieder großartige Erlebnisse mit den anderen Großseglern.  Zwei Tage lang hab ich per Crew-Exchange auf der „Mir“ eingeschifft. Im Gegenzug kamen drei russische Kadetten eine Woche zu uns an Bord. Sie haben sich vor allem übers gute und abwechslungsreiche Essen gefreut. Dafür haben die mühelos jeder alleine die Obermars geheißt. Im Hafen auf der „Kruzensthern“ (ex. „Padua“) auf die Royalrah aufentern - knapp 60m über dem Wasser, doppelt so hoch wie auf der Roald. Atemberaubend! Wir sind dann auf der Cruise in Company-Reise in einen Fjord bis ans Ende reingefahren. Einige machten eine Gletscherwanderung und brachten Eis mit für den Cutty Sark Wiskey, andere wollten ein Bootsmanoever auf dem spiegelglatten Fjord machen. Ein anderer Toppsi stieg also mit Ölzeug und Schwimmweste ins Dinghi. Beim Anreißen des Außenborders hat er wohl vergessen den Gang rauszunehmen. Den Schlüssel hatte er aber leider auch nicht ums Handgelenk gemacht. So sprang der Motor an, der Toppsi machte einen Satz und fiel hinter dem Boot ins  Wasser. Dieses schoß derweil den Fjord hinunter und war bald außer Sicht. Der nasse Toppsi kletterte zurück an Deck und außer einem Schreck ist ihm nichts passiert. Seine automatische Rettungsweste öffnete sich jedoch erst als sie wieder auf der Backskiste lag. Ein wenig sollte man also schon schwimmen können, wenn man diese Dinger benützt. Das Dinghi wurde uns von einem freundlichen Fischer einige Stunden später zurückgebracht. Zum Glück hatte unser Name draufgestanden. An diesem Fjord habe ich außerdem den romantischsten Kuss meines Lebens bekommen. Im rötlich dämmerigen Licht der Mittsommernacht, einsam auf den moosigen Steinen Norwegens. Wenn man es malen würde, würde es keiner kaufen - zu kitschig.


Die Roald, das Familienleben und unserem Sohn wachsen Seebeine.

Im Jahr 2001 habe ich auch Elena kennengelernt - nicht auf der Roald sondern bei der „drj“. Wir sind heute verheiratet und haben drei Söhne. Bis dahin ist aber noch ein weiter Weg. Zu meiner großen Freude konnte ich sie sehr schnell mit dem Roald-Virus anstecken. Niemals hätte ich eine Frau heiraten können, die vom Segeln keine Ahnung hat, und vielleicht Dinge sagt wie „Mein Mann ist wieder auf seinem ´Boot´ und zieht an den ´Schnüren´“ oder so. Schon 2002 fuhren wir erste Törns zusammen. Wir hatten uns die Rücküberführung von den Kanaren bis nach England ausgesucht. Zwei Törns also. Den ersten fuhr sie als Trainee, den nächsten dann als Anwärter. Vier Jahre lang haben wir diese Reise zusammen gemacht. Wir hatten beide 2003 begonnen Medizin zu studieren und die Törns passten immer genau in unsere Semesterferien hinein. Im fünften Jahr hab ich das dann nochmal alleine gemacht. Da war unser erster Sohn schon auf der Welt. Bei vielen werden spätestens jetzt mit den Kindern die Törns spärlicher - nicht so bei uns. Aber der Reihe nach. 2003 im Sommer - den wir übrigens auch gemeinsam komplett gefahren sind, incl. Werftzeit am Ende, haben wir selbst einen Törn mit der „drj“ organisiert. Einen zweiten Vegetariertörn also. Diesmal wusste ich, was auf mich zukommt: dass die Stammcrew meutern würde, wenn sie zwei Wochen kein Fleisch zu essen bekommen würde. So konnten wir uns besser darauf vorbereiten. Es gab dann die Abmachung, dass die Stammcrew, immer dann wenn jemand Geburtstag hat, für sich Fleisch zubereiten darf. Es war zwar etwas verwunderlich, wie viele aus der Crew auf dem Törn Geburtstag hatten - hat aber keiner bemerkt. Und der Maschinist kann nicht nur mit „Emma“ und „Erna“, den beiden Hauptdieseln gut, er kann auch vorzüglich kochen! Diese Reise war also diesbezüglich deutlich erfolgreicher als der erste Vegetariertörn 1994. Eine weitere Reise, die wohl einmalig bleiben wird, haben wir 2006 gemacht. Im August 2006 haben wir kirchlich geheiratet. Und schon früh hatten wir die Idee, unsere Flitterwochen auf der Roald zu verbringen. Dazu haben wir schon mehr als eineinhalb Jahre vorher das Schiff gechartert, damit die Termine von Hochzeit und Törn zueinander passen. Nach der Hochzeit am Samstag mit ca. 160 Gästen in Tübingen und einer kurzen Hochzeitsnacht sind wir am Sonntagmorgen mit 32 unserer Gäste in den Zug gestiegen und nach Rostock zum Schiff gefahren. Auch die Stammcrew für diesen Törn hatten wir selbst organisiert. Wir hatten unsere inzwischen zahlreichen Roald-Freunde gefragt, und so eine komplette Crew zusammenbekommen. Das Schiff war also komplett mit unseren Freunden bemannt. Das war der schönste Törn, den ich jemals gefahren bin. Alle meine besten Freunde waren in meiner Wache. Super! Die Sache hatte aber noch einen Haken. Im Frühjahr war ja unser erster Sohn auf die Welt gekommen. Die Reise war aber lange vor der Schwangerschaft schon geplant und organisiert, ja zum Teil schon bezahlt gewesen. Wir haben unseren 5 Monate alten Filius also kurzerhand mitgenommen. In einem Telefonat mit unserer Vorsitzenden haben wir vorher abgeklärt, ob das möglich ist, den  kleinen Mann auf eine 13-Tages-Reise mitzunehmen. Da aber das ganze Schiff mit unseren Freunden besetzt war, also kein Fremder sich durch das Baby gestört fühlen konnte, war Birgit einverstanden. Zumal er sich mit fünf Monaten noch nicht von der Stelle bewegen, sich also auch nicht selbst in eine gefährliche Situation bringen konnte. Unser Sohn war also der jüngste Trainee aller Zeiten. Und vermutlich wird das auch lange so bleiben. So verrückt wie wir ist sicher so bald keiner mehr. Es hat sich doch schnell gezeigt, dass die Doppelbelastung „Kind“ und „Segeln“ doch anstrengend sein kann. Ein Bild von Baby Paul auf der Roald hängt bis heute im Schiffsbüro. Unbedingt erwähnt werden muss an dieser Stelle auch das Hochzeits-Captainsdinner am Ende dieser Reise. Die Freundin aus den USA hatte uns als Smut schon die ganze Reise großartig bekocht. Aber an diesem Abend wuchs sie über sich selbst hinaus. Es gab ein Fünf-Gänge-Menue. Dieses beinhaltete neben vielem anderen  zweierlei:  Auf der Roald selbstgemachte Kohlrouladen - vegetarisch und mit Fleisch. Zum krönenden Abschluss servierten die Toppsgasten (es waren neun davon an Bord, sie haben bei diesem Dinner bedient...) eine vierstöckige Hochzeitsschokoladensahnetorte. Selbstverständlich war auch diese komplett auf der Roald entstanden. Wahnsinn! Dieses Essen war ungelogen besser, als das auf unserer eigentlichen Hochzeitsfeier. Nachdem 2008 unser zweiter Sohn zur Welt gekommen war, wurden tatsächlich auch bei uns die Törns seltener. Einen Törn pro Jahr habe ich aber immer mindestens geschafft. Das hat Elena mir vor der Hochzeit versprochen. Ein Törn im Jahr muss immer drin sein - egal was los ist. Das hat trotz unserer Geburten, Studium, Staatsexamina, und schließlich Arbeit immer geklappt. 2009 bin ich dann den ersten Törn als Bootsmann gefahren. Seit 2011 nehmen wir regelmäßig alle zusammen an den Familientörns teil. Paul hat sich bereits mit der Tochter des Kapitäns angefreundet. Auch in der nächsten Generation entstehen also schon Roald-Freundschaften. 2012 ist nun unser dritter Sohn geboren, er darf dieses Jahr zum ersten Mal mit auf den Familientörn. Im nächsten Jahr hoffen wir dann endlich wieder zu zweit einen richtigen Törn fahren zu können. Dann müssen eben die Großeltern mal zwei Wochen lang ran und auf die Jungs aufpassen.

Es gäbe noch viele Geschichten, von denen zu berichten lohnenswert wäre, viele andere nette Menschen die ich an Familientörn 2013 Bord kennengelernt habe, einige echte Freundschaften, die sich gefunden haben. 

 

 
20.000 Meilen über dem Meer – auf der Brigg „Roald Amundsen“

In den vergangenen 20 Jahren bin ich ca. 40 Törns auf der Roald gefahren, habe zusammengerechnet fast zwei Jahre meines Lebens auf dem Schiff verbracht und dabei über 20.000 Seemeilen versegelt. Ganz genau weiß ich das allerding nicht mehr, weil leider nicht mehr alle Seemeilenbestätigungen vorhanden sind. Die Roald ist wahrhaftig ein Teil meines Lebens geworden. Und auch wenn wir an unserem Wohnort nahe Freiburg im Breisgau nicht gerade an der See wohnen, so begleitet mich die Roald eigentlich täglich. Nicht nur, dass ich oft auch zuhause im Roald-Pulli rumlaufe, mein Desktophintergrund selbstverständlich aus Roaldbildern besteht, oder dass ich meinen Kindern eine Art Klüvernetz für Ihre Spielböden geknüpft habe. Auch in Gedanken bin ich oft auf dem Schiff. Wenn ich Stress habe, schließe ich die Augen und träume mich ins Café Royal (das ist auf der Großroyalrah und hat immer abens bei Sonnenuntergang geöffnet...) und lasse mich sanft von den Wellen wiegen. Da verfliegt jeder Stress sofort. Ich profitiere täglich von den vielen unterschiedlichsten Dingen, die ich auf der Roald gelernt habe. Zuallererst auf der zwischenmenschlichen, sozialen und gruppendynamischen Ebene. Auf der Roald kann man vor Konflikten nicht einfach weglaufen. Mitten auf dem Atlantik muss man den Konflikt entweder lösen oder zu einem Status Quo kommen, mit dem man die restliche Reise machen kann. Das trainiert gewaltig sogenannte „soft skills“ wie zum  Beispiel Diskussionskultur, Kompromissbereitschaft, sich selbst zurückzunehmen und vieles mehr. Zu diesem Thema hätte ich noch viele Geschichten zu erzählen. Das würde ein Buch locker füllen. Aber man trainiert besonders als Toppsi auch Führungsqualitäten. Davon profitiere ich täglich bei der Arbeit als Arzt, gerade als Notarzt. Wer auf der Roald ein paar Mal bei 10 bis 12 Windstärken Segel gepackt hat, den wirft so schnell kein Verkehrsunfall aus dem Gleichgewicht. Wer gewohnt ist, eine Wache aus zwölf 14-jährigen Schülern zu führen, der kann auch in einem Team aus vier bis fünf Leuten an der Einsatzstelle den Überblick behalten.  Nicht zuletzt lernt man Gelassenheit und das Warten. Das Wetter auf See kann man nun mal nicht ändern. Da hilft es auch nicht, sich drüber aufzuregen. Die Entdeckung der Langsamkeit! Des Weiteren sind auch die handwerklichen Fertigkeiten zu nennen, die man an Bord so braucht. Wer kann sonst schon spleißen, wenn im Kindergarten das Kletterseil reißt? Das sich der Verein „Leben lernen auf Segelschiffen“ genannt hat, ist also durchaus richtig. Nicht nur aus steuerlichen Gründen. Man lernt Dinge auf See, auf einem Großsegler, auf der Roald, die kriegt man nirgendwo sonst so konzentriert und effektiv beigebracht. Und das wirkt auch schon bei viel geringerer Dosis wie die, die ich bereits intus habe. Wovon träume ich noch? Was will ich mit der Roald noch erleben? Zunächst will ich einfach immer wieder mitfahren. Jeder Törn ist anders, jedes Mal sind neue Menschen an Bord, jedes Mal ist es spannend, zu sehen wie sich aus den teilweise sehr unterschiedlichen Individuen eine Mannschaft formt. Ganz konkret fehlt mir noch eine Atlantiküberquerung in meinem Meilenbuch. Irgendwie hat das bisher noch nicht hingehauen. Den Atlantik hab ich bisher nur von Süd nach Nord befahren, nie in Ost-Westlicher Richtung. Was wohl immer ein Traum bleiben wird, ist eine Weltumsegelung mit der Roald. Oder einmal um Kap Hoorn. Im nächsten Jahr hoffe ich wieder einen Ausbildungs-Törn für die Stammcrew als Ausbilder zu fahren. Es macht mir einfach riesig Spaß, mein Wissen an die nächste Roald-Generationen weiterzugeben. 2003 und 2005 habe ich das bereits gemacht. Auf der Herbstakademie der Stammcrew biete ich regelmäßig einen Kurs in Erster Hilfe auf der Roald an. Auch da gebe ich also schon etwas von meinem gelebten Fachwissen weiter. Vielleicht können meine Söhnen ähnliche Erfahrungen auf der Roald machen, wie ich. Aber das müssen die selbst entscheiden, wenn es so weit ist. Ich selbst bin  definitiv süchtig nach Roald fahren. Wenn ich weit weg vom Meer bin, habe ich Sehnsucht danach.


Gänsehautgefühl, wenn ich mich nach dem Atlantik sehne.

Wenn ich am Strand stehe, ist die Sehnsucht beinahe noch größer - ich will ja segeln, nicht promenieren. Und wenn ich auf der Ostsee bin, sehne ich mich nach dem Atlantik. Nur dort in der tiefblauen Weite mit den langen, sanften Wellen ist dieses Gefühl der Freiheit so intensiv, wenn man den Horizont betrachtet. Ich glaube, wer nur im Stress der  Städte lebt, und nie seine Augen über die grenzenlose Weite des Horizonts streifen lassen kann - egal ob auf einem Berg oder auf der Royalrah - der verpasst wirklich etwas und kann dadurch vielleicht sogar krank werden. Diagnose Horizontmangel! Wer nie die Delphine in der Bugwelle spielen sah, oder in absoluter Stille und Dunkelheit den Sternenhimmel gesehen hat, der wir nie diese Art innere Ruhe finden. Und warum gerade die Roald? Warum nicht die Alex, nicht Clipper, nicht Thor oder Europa, wird sich der Leser an dieser Stelle fragen. Die Roald hat  genau die richtige Größe. Sie ist schon ein echter Großsegler - wenn auch die kleinste in Class A des Tall Ships Race.   Sie ist anders als die kleineren Schiffe absolut hochseetüchtig und häufig sturmerprobt. Auch mitten auf dem Atlantik kann man sich auf Ihr wirklich sicher fühlen. Sie schwimmt auch bei schwerem Wetter noch wie ein Quietscheentchen und nimmt nur sehr wenig Wasser über. Sie ist als Schulschiff geplant und gebaut, Das bedeutet, sie ist deutlich untertakelt - hat also weniger Segelfläche als der Rumpf tragen könnte. Das macht sie in der Handhabung leichter und sicherer für die Crew aus Laien, die wir nun mal alle mehr oder weniger sind. Das Rigg verzeiht beinahe alle Fehler. Das Rigg ist so klein, dass man es auch bei schwerem Wetter noch gut handeln kann.

Und wenn was kaputt geht, sind es „nur“ die Segel. Wie es sich auch eindrucksvoll 2008 im Strumtief „Johanna“ in der Irischen See gezeigt hat. Siehe auch hier:


und hier

Trotzdem ist es ein vollwertiges Großseglerrigg. Die Roald ist aber auf der anderen Seite gerade klein genug, so dass man auf einer Reise alle an Bord kennen lernen kann. So dass die Hierarchien noch flach sind, und sich z.B. alle bis zum Kapitän duzen. Durch ihr durchgezogenes, offenes Manöverdeck ist sie sehr schön zu überblicken. Es stehen bei Segelmanövern nicht, wie bei den großen Schwestern, ein paar unten auf dem Hauptdeck, ein paar auf der Back und ein paar Leute auf dem Achterdeck. Sondern es sehen sich alle und jeder kann ein klein wenig den Überblick behalten. Dadurch wird der einzelne Mitsegler vom stupiden Tampenreißer zum Teilhaber und lernt schneller die großen Zusammenhänge. Zusammenfassend kann man sagen: es ist mehr ein  Miteinander als auf den ganz Großen. Aber gleichzeitig mehr hochseetüchtiger Großsegler als auf den Kleineren. Ich hab jedenfalls noch kein vergleichbares Schiff gesehen.

In diesem Sinne wünsche ich der Roald viele glückliche Reisen und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel - Wir sehen uns auf der Roald!

Bon Voyage!
Euer Helge            oder auch Dr. Helge Neumeister

News & Aktuelles

Der erweiterte Törnplan für die Brigg "Roald Amundsen" ist jetzt veröffentlicht. Erwartungsgemäß geht es in die Karibik und verspricht wunderschöne Ziele.

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Törnberichte

Ich bin Thommes und bin von April 2011 bis Mai 2012 insgesamt 11 mal auf der Roald Amundsen gefahren, so begeistert bin ich von diesem Schiff. Mein längster Törn war der von Oostende (Belgien) nach Lissabon (Portugal) 5.11. Thomas Kochbis 22.11.2011also fast 3 Wochen. Dabei fuhren wir durch den Englischen Kanal, durch den Golf von Biscaya und auf dem Atlantik, bis wir pünktlich Lissabon erreichten. Während dieser Zeit besuchten wir Städte wie Brest, La Coruna, Kap Fenisterre („Cabo Finisterre“) oder  Cascais vor den Toren Lissabons.
Hier findest Du die Törnberichte aus dieser Zeit, die meistens von mir verfasst wurden.


Hallo Leute,

ich bin Patrick und habe 2011 meinen ersten Ostsee Segeltörn auf einem Windjammersegler gemacht. Das war sowas von g....., dass ich mich für dieses Jahr gleich für zwei Törns im August angemeldet habe.

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